Interview - Focus, Ausgabe Nr. 1 vom 4. Januar 2010Was macht eine Stimme schön? Natürlichkeit, Wärme, Kraft. Leichtigkeit, Freiheit, ja Persönlichkeit. Ich finde es immer wichtig, dass eine Stimme unverwechselbar ist. Und dass sie beim Zuhören etwas anrührt. Dass es einen selber öffnet und weitet. Wie ist davon ein Geschenk, wie viel ist harte Arbeit? Dieses Fünkchen Timbre, das ist ein Geschenk. Die Tatsache, dass die Stimme frei schwingen und sich entfalten kann, das ist die Technik. Natürlich braucht man auch dafür ein Talent, Theoretisches in die Körperlichkeit umzusetzen. Wenn man es dann begriffen hat, ist es viel Arbeit, viel Üben. Die frei schwingende Stimme. Besitzen wir sie als Kinder, und erstarrt sie bei Erwachsenen? Durch die Sozialisierung geht viel verloren. Das Kind hört: Sei leise! Kinderchöre in südlichen Ländern plärren noch so wunderbar. Je angepasster die Kinder sind, desto piepsiger wird ein Chor. Da wird etwas unterdrückt. Wir müssen die Stimme wieder befreien, sie ohne Druck, ohne Manipulation strömen lassen. Ich vergleiche Musik mit etwas strömen lassen. Will da etwas aus Ihnen heraus? Ja. Lebensfreude, Lebensenergie, Lebenslust will sich manifestieren durch Stimme. Wo das Wort nicht ausreicht, da geht die Emotion in Gesang über. Das Singen ist noch einmal extra Sprache, eine Seelensprache. Eine Sprache der Klänge, nicht der Wörter? Ursprünglich ja. Aber wenn sich Musik und Sprache verbindet, entsteht eine Vollkommenheit, die hat kein Instrument. Begreifen Sie Ihre Stimme als Instrument? Nur im technischen Sinne. Die Gesangsausbildung ist bei uns ja leider meist nur eine Stimmbildung. Es wird das Instrument gebildet, aber man lernt nicht, darauf eine ausdrucksvolle Musik zu machen, gute Werkzeuge gut einzusetzen. Da geht für mich eigentlich erst die Kunst los. Was ist ein solches gutes Werkzeug? Das Wissen, wie man mit Atem umgeht. Auf den Atem hinauf sende ich meinen Ton. Singen ist für mich wie Bogenschießen. Sie müssen den Bogen spannen, und dann die Stimme loslassen wie einen Pfeil. Den Pfeil greifen Sie nur an einer kleinen Stelle und ziehen ihn weit - über den Hinterkopf, den Rücken hinunter, in die Nieren. Je höher der Ton gehen soll, je weiter, je lauter, desto tiefer im Körper müssen Sie denken. Wenn Sie denken, der Ton muss einfach nach vorne raus, dann kippt er Ihnen vor die Füße. Sie müssen quasi ein Gegengewicht schaffen, die Gegenspannung. Bei hohen, langen und lauten Tönen, ramme ich mich in den Boden rein. Ist ihr Instrument nicht besonders sensibel? Schlägt sich nicht ihre Stimmung auf die Stimme nieder? Das Singen ist Seele, die sich ausdrücken will. Natürlich schafft es ein Profi, jegliche private Emotion nicht spüren zu lassen. Ob der gram vor Sorgen ist, oder ob er sich gerade sehr gefreut hat, sollte man nicht hören. Ich habe es auch geschafft in schlimmsten Momenten. Ich habe gerade erfahren, meine Mutter ist gestorben, und ich hatte zwei Stunden später einen Liederabend. Das hat niemand gemerkt? Rein technisch nein. Mein Pianist hat gespürt, dass eine große Emotionalität in den Liedern war. Ich habe Rückert-Lieder gesungen: "Ich bin der Welt abhanden gekommen." Da musste ich schlucken. Die Tränenschwelle war niedrig. Wie erzeugen Sie mit der Stimme Stimmung, wenn Sie selbst nicht einer so emotionalen Situation sind? Je mehr ich Glaubhaftigkeit, Authentizität, Wahrhaftigkeit hineinbringe, desto mehr berühre ich. Wenn ich einem Schüler, der technisch alles hat, beibringen möchte, wie er die Menschen bewegt, sage ich ihm: Trau dich, dich zu zeigen. Bilde dich. Bilde dich menschlich. Bilde deine Herzenswärme, bilde Barmherzigkeit, bilde Freude, bilde Liebe. Lebe ganz bewusst und lebe voll und trage das nach außen. Das ist das einzige, was ich tun kann: Als Mensch reich werden im humanen Sinn. Dann kann man was geben. Sie haben kein Lampenfieber? Sie haben umso weniger Lampenfieber, je mehr Sie auf Ihr Können vertrauen können. Ich gehe mit einem Gefühl von Angriffslust heraus. Mit einer Neugier zu sehen: Was gelingt mir heute? Ich kenne aber den Zustand. Zehn Jahre nachdem ich angefanen habe zu singen, habe ich ungeheure Panik geschoben. Es ist nicht so, wie Leute denken, dass man die Nervosität braucht, damit nachher auf der Bühne was Kreatives heraus kommt. Alles Quatsch. Das Zwerchfell beginnt zu zittern. Aber indem ich Angst vor der Angst habe, mache ich es noch schlimmer. Es helfen eigentlich nur zwei Dinge: Es zu akzeptieren. Und tief auszuatmen. Denn durch die Angst hält man den Atem. Vor den schwierigen Stellen muss man locker bleiben. Sich immer wieder sagen: Es muss ja nicht daneben gehen. Und wenn's halt mal daneben geht, darf man sichnicht geißeln und muss sich sagen: Ich bin halt auch nur ein Mensch. Sehen das die Kritiker auch so? Es ist manchmal sehr grausam. Laien und auch Kritiker können nicht zwischen einem Lapsus und einer Krise unterscheiden. Aber sie tun so. Deshalb werden sie von uns Sängern nicht sehr ernst genommen. Selbst viele Dirigenten verstehen nichts von Gesang. Ich kenne keinen einzigen Regisseur, der sich auskennt. Wie soll da ein Kritiker Bescheid wissen? Mir gefällt am ehesten, wenn jemand persönlich schreibt. Das finde ich noch am glaubhaftesten. Wer kann Ihnen denn kompetent etwas sagen? Kollegen. Wir haben manchmal sehr gute Freundschaften und gehen sehr ehrlich miteinander um. |